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Kersty und Sandra Grether: Rebel Queens – Frauen in der Rockmusik (Review)
| Artist: | Kersty und Sandra Grether |
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| Album: | Rebel Queens – Frauen in der Rockmusik |
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| Medium: | Buch | |
| Stil: | Feministisches Rockmusik-Buch |
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| Label: | Reclam | |
| Spieldauer: | 395 Seiten | |
| Erschienen: | 15.10.2025 | |
| Website: | [Link] |
„Von Grace Slick bis Bikini Kill, von Tina Turner bis Billie Eilish, von Patti Smith bis Taylor Swift: In mehr als vierzig originalen Porträts erzählen Kersty Grether und Sandra Grether so einfühlsam wie mitreißend von starken Sängerinnen und Rockgöttinnen, die das Genre sprengten und Grenzen überschritten. Was verbindet die großen Musikerinnen über Jahrzehnte hinweg, wogegen kämpften sie an?“ (Auszug aus dem Klappentext zu „Rebel Queens – Frauen in der Rockmusik“ von KERSTY UND SANDRA GRETHER)
Als erstes: Ich bin ein Mann (und gehöre neuerdings aus Sicht aller Hardcore-Feministinnen dem Tätergeschlecht an, das sich laut Frau Neubauer glücklich schätzen kann, dass die Frauen keine Vergeltung unserem Geschlecht gegenüber fordern). Außerdem habe ich es mir nicht ausgesucht, einer zu sein – das hat laut wissenschaftlicher Erkenntnisse die Natur so festgelegt. Darum akzeptiere ich dieses Geschlecht und versuche das Beste daraus zu machen. Die Natur hat es so bestimmt. Noch dazu gehöre ich zu dem Typus, den die Grünen und irgendwelche Linken diskriminieren und aus ihrem innersten woken Rassismus heraus als 'Alte weiße Männer' bezeichnen. Auch ich habe Gefühle, die weit weg von Quotenregelungen, daher aber sehr nahe an Gerechtigkeit und der in der Verfassung uns allen zugesicherten geschlechterunabhängigen Würde sind – und der oftmals Tag für Tag in einem Lehrer-Kollegium gegen die unglaubliche Überpräsenz und besserwisserische Dominanz des weiblichen Lehrerinnen-Geschlechts zu kämpfen hat. Mir sind zugleich Regenbogenfahnen und noch mehr das Gendern fremd, da ich als studierter Germanist an eine (Schrift-)Sprache ohne Sonderzeichen glaube.
Und trotzdem liebe ich Frauen, egal was, wer oder woher sie sind. Damit meine ich ausdrücklich nur die, denen die Natur ihre weibliche Rolle zugeteilt hat – nicht aber die, welche sich als weiblich definieren, obwohl zwischen ihren Beinen die Glocken zur Nussknacker-Suite läuten. Denn ich liebe auch heiß und innig Musik! Und die ist ebenfalls geschlechtsneutral, egal ob sie von Frauen oder Männern gemacht wird. Einfach gut muss sie sein. Egal, von wem sie kommt. Und sie darf sich nicht über das Geschlecht definieren, sondern über die Leidenschaft des Machers oder der Macherin. Allerdings darf sie immer dem Feminismus huldigen und so durchaus etwas Besonderes sein – und natürlich immer rebellisch. Ein paar dieser Musik-Rebellinnen begegnen uns nun in einem besonderen Buch, darum weiter im Text, wenn der als Review schon mit einem gewissen männlichen, aber vor allem ironisch verstandenen Rebellentum begann. Und in dem neben der Popkultur genauso die Psychologie und der Feminismus sehr viel Raum einnimmt.
Ganz besonders liebe ich daher 'echte Frauen', wenn sie rebellisch und rockmusikalisch sind – und einen gehörigen Scheiß auf angepasstes oder Rollenklischee-erfüllendes Verhalten geben. Und nunmehr liebe ich auch „Rebel Queens“, das feministisch ausladende Buch über Frauen in der Rockmusik von KERSTY & SANDRA GRETHER (beides erklärte Feministinnen samt echtem 'Problempony' der Reichinnek-Marke), die beide selber ein gehöriges Wörtchen als THE DOCTORELLA in diesem Bereich mitzureden/singen haben. Und die, „Wenn wir tot wären“, ganz bestimmt ein Verlust für uns und diese Musikwelt wären, weil sie einfach 'anders' als diejenigen sind, die immer nur auf Erfolg durch Sexappeal schwören.
Ähnlich abgefahren wie die Texte von THE DOCTORELLA, für die sich beide Musikerinnen verantwortlich zeichnen, ist auch dieses Buch, mit dem sie ihre Qualitäten als Schriftstellerinnen bzw. Journalistinnen offenbaren, ein literarischer Genuss (obwohl die Genderei darin, bei der sie permanent auf „:“ zurückgreifen, den 'alten weißen Mann' und Kritiker schlicht nervt), der neben vielen Fakten auch auf jede Menge hintergründiges (oder vielleicht sogar hinterhältiges) Augenzwinkern und so einige Frontalangriffe gegen das Musik-Patriarchat setzt, was dem Einen oder vielleicht sogar der Anderen etwas bitter aufstoßen wird.
Das muss man nicht mögen, lernt es aber beim Lesen des Buchs immer mehr zu verstehen, wenn man sich dabei einfach von seiner femininen Seite aus, die sicher auch in vielen Männern schlummert, leiten lässt und gerne einmal durch den breit gefächerten Musikerinnen-Kosmos schwebt, der im Buch historisch bereits mit den 1940er-Jahren beginnt und sich bis in die Gegenwart weiblicher Musikdominanz erstreckt und dabei so große Musikerinnen wie GRACE SLICK, JANIS JOPLIN, PATTI SMITH, NINA HAGEN, AMY WINEHOUSE genauso wie die weibliche Punk-Bewegung und den wagemutigen offenen weiblichen Widerstand gegen politische Missstände (PUSSY RIOT) zum Inhalt hat.
Wer hier mit Vorurteilen herangeht, solche weiblichen Musik-Betrachtungsweisen nicht mag oder respektieren will, der wird trotz all der interessanten Erkenntnisse rund um die rebellische Musikerinnen-Szene dann dem besagten THE DOCTORELLA-Song eine ernsthafte Erfüllung wünschen und damit genau all das bestätigen, was die beiden Schwestern immer wieder an der toxischen Männlichkeit, besonders auch von Musikern (Bei ihnen kommen beispielsweise LED ZEPPELIN verdammt schlecht weg!), lautstark kritisieren.
Unverhohlen geben sich KERSTY & SANDRA GRETHER von der ersten Buchseite an als (Musik-)Feministinnen zu erkennen und garnieren dies auf dem Klappentext noch mit einem Zitat von Birgit Fuß im 'Rolling Stone', das da lautet: „Kersty und Sandra Grether sind die berühmtesten Pop-Feministinnen Deutschlands.“
Kann man darauf wirklich stolz sein?
Egal, wie man als Leser also selber gesinnt ist, ertragen und tolerieren muss man es – in ihrer Musikerinnen-Auswahl genauso wie in ihrem Buch. Denn wer hier als Mann oder weniger feministisch eingestellter Zeitgenosse nicht eine gehörige Portion Toleranz mitbringt, indem er es versteht, „Rebel Queens – Frauen in der Rockmusik“ aus dem Femi-Blickwinkel zu lesen, ohne sich über eine Vielzahl der hier auftretenden Klischees und besonders den extrem nervenden Gendereien aufzuregen, der wird dieses lesenswerte, weil sehr informative Buch über weibliche Musikerinnen nur ablehnen.
Wer allerdings über diese übersteigerte Geschlechterdominanz hinweglesen und sehen kann, der erfährt sehr persönlich gestaltete und gut geschriebene Geschichten, die mit der Erfindung des Rock'n'Roll beginnen und dem schrecklichen Zeitalter der Pandemie sowie der queeren Aneignung des Regenbogens, der leider schon lange nichts mehr mit der großartigen Judy Garland und ihrem „Somewhere Over The Rainbow“ zu tun hat, endet. Nun ja, eine Judy Garland war wohl nicht rebellisch genug, sondern viel, viel, viel zu lieb und im weiblichen 'Rollenbild' der Vergangenheit verwurzelt, in der der Feminismus kein Thema war – aber, so sagt man, es trotzdem glückliche Frauen gegeben haben soll. Garantiert glücklichere als diejenigen, die man heute noch zwanghaft unter einem Schleier versteckt.
„Rebel Queens – Frauen in der Rockmusik“ verlangt eben auch beim Leser und sicher auch Leserinnen viel Toleranz, gerade weil diese mitunter in der Betrachtungsweise innerhalb des Buches etwas fehlt. Doch gerade so erschließt sich dem Leser tatsächlich die spannende Bedeutung starker Frauen in der Rock-Musik, die sich nach und nach immer mehr als Musikerinnen im anfangs von den männlichen Kollegen dominierten Rock-Umfeld durchzusetzen wussten und konsequent ihren Weg gingen, der mitunter tödlich endete, wie beispielsweise bei dem „Pfau von Haight-Ashbury“ - JANIS JOPLIN: „Die Geschichte der Außenseiter:innen, die zu Rock- oder Popstars werden, ist im Kern immer die gleiche. Und diese Story der weiblichen Rockstars beginnt mit Janis, einem Mädchen, das von ihren Mitschüler:innen verspottet, gedemütigt, gemobbt wird. Ständig muss sie sich rechtfertigen; sie sei 'pummelig' und habe zu starke Akne. Aber sie hat genug Bücher gelesen. Sie kennt die richtige Musik. Sie kann singen und spotten. Sie steht, in a way, darüber.“
Das und vieles mehr kann man in „Rebel Queens – Frauen in der Rockmusik“ nicht nur lesen, sondern auch in einem umfangreichen farbigen Bildteil (16 Seiten) und vielen zu den Kapiteln dazugehörigen Schwarz-Weiß-Bildern innerhalb des Fließtextes bewundern. Außerdem kann man direkt aus dem Buch heraus durch einen Quellcode eine Playlist zum Buch abrufen. Eine feine Idee.
Natürlich verweisen die beiden Autorinnen im Buch darauf, dass einige wichtige Musikerinnen, die ebenfalls bestens zum Rebellinnen-Thema gepasst hätten, keinen Einzug ins Buch fanden und man deswegen im Grunde nicht korinthenkackerisch nach den Fehlenden suchen, sondern sich vielmehr mit den Aufgeführten beschäftigen sollte. Das fällt in gewissen Ansätzen dann doch etwas schwer, gerade wenn man als ehemaliger DDR-Bürger im Mauer-Osten tatsächlich so einige riesige Rebellinnen hautnah kennenlernte, sodass dann wenigstens die Erwähnung der großartigen, ewig im Osten wie dann im späteren Westen rebellische TAMARA DANZ von SILLY fehlt, die in ihren Songs von den wilden Mathilden genauso wie von den kleinen Frauen singt und ihnen damit eine laute Stimme verleiht. Denn TAMARA DANZ steckt (viel mutiger als eine geflohene NINA HAGEN) so in etwa alle hier aufgeführten rebellischen Frauen mehr als locker in jeden rebellischen Sack. Oh ja, denn sie hat sich unerbittlich als Frontfrau erst in der DDR-Ideologie gegen die Machthaber und Mauer sowie nach Mauerfall gegen die großkotzigen Forderungen der West-Plattenfirmen gewehrt und dann auch noch in der eigenen Band ihren einen Partner an den Keyboards gegen den neuen anderen an der Gitarre ausgetauscht. Selbst im Umgang mit dem Brustkrebs war sie unerbittlich und stark – bis zu ihrem tragischen Tod.
Und was einer SINEAD O'CONNOR nach ihrem rebellischen Auftreten gegen die Kirche, nachdem sie auf der Bühne das Papst-Bild öffentlich zerriss, geschah, wäre in einem Musik-Rebellinnen-Buch unbedingt erwähnenswert gewesen. Aber: Vielleicht gibt es ja doch noch 'irgendwie, irgendwo, irgendwann' (um mal bei der Rebellin NENA zu bleiben) eine Fortsetzung von „Rebel Queens – Frauen in der Rockmusik“, die ähnlich spannend und leidenschaftlich feministisch die Geschichte der rebellischen Frauen, die sich immer mehr ins Rampenlicht zu rücken verstehen, weitererzählt.
FAZIT: „Überlassen wir die Rockmusik nicht den Männern. Es ist und bleibt das meistumkämpfte Genre. […] Und vielleicht begleitet die genresprengende Rockmusik auch euch auf dem Weg, selber eine Rebel Queen zu werden oder mal wieder einer Rebel Queen zu lauschen“, so schreiben es die Schwestern Grether im Vorwort zu ihrem Buch „Rebel Queens – Frauen in der Rockmusik“. In ihren Liedern singen und erzählen KERSTY & SANDRA GRETHER als THE DOCTORELLA von Mondscheinpsychosen, Bordsteinrosen, Albträumen sowie Wonder Woman, aber stellen auch die gewagte Vision „Wenn wir tot wären“ auf. Nun gibt es also ein Buch von den 'berühmtesten Pop-Feministinnen Deutschlands' (laut Birgit Fuß im 'Rolling Stone' und auf dem Klappentext zum Buch), in dem sie sich mit Herz und Verstand sowie viel feministischer Leidenschaft den rebellischen Heldinnen der Rockmusik und der historische Entwicklung hinter den mutigen Musikerinnen widmen. „Rebel Queens – Frauen in der Rockmusik“ zeigt in einem oft pfiffig wie ironisch, aber auch durchaus sehr ernsthaftem Schreibstil, der beim Lesen hohen Unterhaltungs- und Informationswert hat, welch wichtige Rolle die sich immer stärker persönlich wie musikalisch emanzipierenden Musik-Rebellinnen bis heute erkämpf(t)en. Mal sehen, wie diese Geschichte weitergeht und ob sie eines Tages zur gleichberechtigten Normalität wird – oder doch die unendliche Geschichte bleibt. In diesem Falle dürften sich die beiden Grether-Schwestern schonmal auf eine Fortsetzung von „Rebel Queens – Frauen in der Rockmusik“ vorbereiten.
- 1-3 Punkte: Grottenschlecht - Finger weg
- 4-6 Punkte: Streckenweise anhörbar, Kaufempfehlung nur für eingefleischte Fans
- 7-9 Punkte: Einige Lichtblicke, eher überdurchschnittlich, das gewisse Etwas fehlt
- 10-12 Punkte: Wirklich gutes Album, es gibt keine großen Kritikpunkte
- 13-14 Punkte: Einmalig gutes Album mit Zeug zum Klassiker, ragt deutlich aus der Masse
- 15 Punkte: Absolutes Meisterwerk - so was gibt´s höchstens einmal im Jahr
- 1940er – Wer erfand den Rock'n'Roll?
- 1950er – Lust aloud
- 1960er – Sonnenaufgang Gegenkultur
- * GRACE SLICK Weiße Hasen
- * NINA SIMONE „Tomorrow is My Turn“
- * JANIS JOPLIN Der Pfau von Haight-Ashbury
- * MAUREEN TUCKER und NICO Geboren, um Samt zu sein
- 1970er – Das Jahrzehnt der Extreme: zwischen Emanzipation und Dämonisierung
- * SUZI QUATRO Wenn du ihr keine Liebe geben kannst
- * KAREN CARPENTER und YOKO ONO Warum die 70er-Jahre sie beide nicht verkraften konnten – eine Streitschrift
- * PATTI SMITH Wat Can a Poor Girl Do?
- * JOAN JETT Tritt in die Pedale und los
- * DEBBIE HARRY Aus den Märchenwäldern New Yorks
- * THE SLITS Der Traum vom Albtraum. Vorbilder, die selber keine hatten
- * NINA HAGEN Unbeschreiblich heilig, oder: „Lieber Gott mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm“
- * POLY STYRENE (X-RAY SPEX) Zusammenkunft
- 1980er – Das symbolische Jahrzehnt. Es darf nur eine geben: von Ausnahmefrauen und Aliens
- 1990er – The Revolution Will be Televised: Spielverderber:innen vs. Spaßtyrannen
- 2000er – A Space For One's Owen: von MTV zu YouTube und MySpace
- 2010er – Empowerment ist, wenn ein Macker sauer flennt. Oder: Back to the Streets via Social Media
- 2020er – Endlich! Anything goes. Oder: Regenbogen im Sonnenuntergang
- Outro
- Literatur
- Abbildungsnachweis
- Übersicht über die Verfasserinnen
- Sonstige - 395 Seiten, 25 farbige und 24 schwarz-weiße Abbildungen, Hardcover ISBN: 978-3-15-011506-0
Interviews:
-
keine Interviews
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